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Mord im Storchenparadies

Berlin, 29. Mai 2017 [zuletzt geändert am 03.06.17 um 23:00 Uhr]

Südlich von Frankfurt (Oder) überquert auf einer Länge von 40 Kilometern Luftlinie keine Brücke und keine Fähre die Oder und die Neiße. So schlängelt sich eine Radroute rund 75 Kilometer immer am Wasser entlang, bis am Ende eine neue Brücke mit dem schönen Namen Neißewelle den Weg um zehn Kilometer verkürzt. Doch auf halber Strecke wartet in Kłopot eines der größten Storchendörfer Europas auf Entdeckungen. Am Sonntag, 4. Juni 2017 verrät Benno Koch die spannendsten Ausflüge durch Westpolen.

Auf zwei Einwohner kommt in Kłopot (Kloppitz) ein Storch. Genau 84 Weißstörche zählte die Kolonie auf ihrem Höhepunkt im Jahr 2014. Offiziell sollen in diesem Jahr 26 der 33 Nester besetzt sein. Damit ist das kleine Dorf in Westpolen eines der größten Storchendörfer Europas. Mitten im Krzesiński Landschaftspark am Zusammenfluss von Oder und Neiße gelegen, ist Kłopot nur zwei Kilometer Luftlinie von Eisenhüttenstadt entfernt. Eigentlich. Doch die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Oderbrücke ist hier noch immer ein unüberwindbares Hindernis.

Mit einer neuen Brücke in Coschen - auf dem Oder-Neiße-Radweg 18 Kilometer südlich von Eisenhüttenstadt gelegen - haben sich seit November 2014 nun die Umwege über die Neißewelle etwas verkürzt. Doch auch an der Neiße fehlen von einst 66 noch immer 32 Brücken, die am Ende des Krieges zerstört und in den vergangenen 70 Jahren nicht wieder aufgebaut wurden.

Diesmal beginnt diese Radtour am Bahnhof Coschen, führt schnell zur Neißewelle und in die einsamen Wälder des Krzesiński-Landschaftsparks in Westpolen. Hier am Zusammenfluss von Oder und Neiße ist vor allem Ruhe zu finden. Nur kurz unterbrochen von einer schönen Badestelle am Boreksee.

Kurz vor Polecko ist dann eine Oderfähre erreicht. Die Gierfähre quert lautlos den Fluss - die Kraft der Strömung macht's möglich. Eine wunderbar friedliche Stimmung. Auf der Nordseite der Oder geht es durch kleine Dörfer und manchmal an einem alten Gasthof vorbei. Der natürlich noch aus seinem Dornröschenschlaf erwachen muss.

Hinter einer alten Allee ist das Storchenparadies erreicht. Klopot ist eine Art Paradies für alle Beteiligten: Auf zwei Einwohner kommt ein Weißstorch und Touristenmassen gibt es anderswo. Aber natürlich gibt es einen kleinen Laden, eine Herberge und ein Museum. Ganz ländlich beschaulich eben. Und wenn alles klappt, soll diesmal sogar eine Landfrau ein Blech Kuchen für uns gebacken haben. Ganz exklusiv, versteht sich.

Doch manchmal ist das Leben in Klopot spannender als jeder Tatort. Von den wenigen Menschen hier sicherlich vollkommen unbemerkt: Der Mord im Storchenparadies! Das Drama spielte sich im Mai 2015 ab, als eine junge Storchenmama hoch oben im frisch gemachten Nest ungewöhnlich gründlich aufräumte. Eines der frisch geschlüpften Storchenküken wurde hin und her geschleudert, ein wenig weich gekaut und schließlich im ganzen Stück hinunter geschluckt. Anschließend noch ein wenig unschuldig gucken und die Storchenmama kümmerte sich wieder um den Rest der Familie. Ganz liebevoll versteht sich.

Gleich hinter dem Storchendorf tauchen dann die imposanten Brückenreste an der Oder in Richtung Eisenhüttenstadt auf. Nur gut 100 Meter fehlen hier, damit Europa in seiner Mitte wieder zusammenwächst. Noch fehlt Eisenhüttenstadt auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohl der Mut dazu.

Wenn alles wie geplant läuft, dann schiebt nun der Rückenwind sanft in Richtung Norden. Ein befahrbarer Betonplattenweg führt hier durch eine weite offene Landschaft. Andere Touristen trifft man hier so gut wie nie.

Erst in Urad wartet der nächste Laden, der vor ein paar Jahren schon einmal Geschichte schrieb: Also genau hier wo die seit Jahren versprochene Oderfähre vom polnischen Ufer ins brandenburgische Aurith noch immer fehlt, kam ein halbes Dutzend Fahrradtouristen an einem Sonntag Abend nach Ladenschluss an. Der kleine Laden hatte natürlich auch am Sonntag auf, aber nach 18 Uhr war Feierabend. Die Dorfbewohner erkannten das Problem der halb verhungerten und verdursteten Fremden ohne Worte sofort und benachrichtigten den Ladenbesitzer. Ein paar Minuten später war das Paradies aus eiskalten Getränken und Snacks wieder geöffnet.

Zum Finale soll in Slubice wieder ein gutes Restaurant mit einem eiskalten polnischen Bier warten - am Ende einer entspannten Tour für Rad fahrende Genießer.

 

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