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Havelland-Radweg: Rückkehr ins Auenland

Berlin, 15. Juni 2017 [zuletzt geändert am 16.06.17 um 22:15 Uhr]

Hier ist nichts. Kein Gasthof. Keine Autos. Nur das unverbaute Auenland bis zum Horizont. Als vor bald 15 Jahren im April 2003 in Anlehnung an den alten Bahndamm der Krummen Pauline ein Radweg von der Berliner Stadtgrenze nach Rathenow eröffnet wurde, war das Interesse groß. Am Samstag, 17. Juni 2017 verrät Benno Koch die schönsten Wege zur Rückkehr ins Auenland.

"Aus gegebenen Anlass weise ich darauf hin, dass die Benutzung der Fahrradstraßen zwischen Kriele und Senzke, Kriele und Kotzen sowie Kotzen und Stechow ausschließlich für Radfahrer zulässig ist. Zuwiderhandlungen stellen eine Verkehrsordnungswidrigkeit dar", weist das Amt Nennhausen vor ein paar Wochen auf eine Selbstverständlichkeit hin. Und damit auf einen Grund mehr, den Havelland-Radweg wiederzuentdecken.

Als ich 2003 meinen ersten Artikel zum damals neuen Havelland-Radweg schrieb, lautete das Fazit: "Was dem neuen Radweg im mittleren Abschnitt noch fehlt, sind einige gute Gasthöfe und Cafés." Daran hat sich bis heute zwischen Rathenow und Ribbeck nichts geändert. Fast nichts.

Sven Heinrich hat den historischen Gasthof in Kriele bereits vor acht Jahren wiederbelebt. Eigentlich war er Klempner. Nach einem Unfall suchte er nach einer neuen Arbeit. Die Kleine Kneipe ist heute sein liebevoll sanierter Lebensmittelpunkt. Zumindest im Sommerhalbjahr nachmittags und abends. Doch um über die Runden zu kommen, hat er nachts noch einen Zweitjob: Als Wachschützer in einem Krankenhaus.

Sein Engagement ist im kulinarisch noch immer dünnbesiedelten Brandenburg sonst eher selten. Im Angebot sind wenige Gerichte, aber die sind selbstgemacht: Kartoffelsalat, Bouletten und Kirschkuchen. Und die gibt es direkt an der einsamen Dorfstraße im Grünen unter alten Bäumen. Zusammen mit dem einen oder anderen Kaltgetränk vom Fass.

Erst auf den zweiten Blick wird hinter der modernen Fassade die historische Perle des alten Dorfgasthofes sichtbar: Als eines der ältesten Häuser von Kriele ist das Fachwerk an einer Seitenwand freigelegt. Innen fühlt man sich in die Zeit des Alten Fritz versetzt. Die alten Holztische und -stühle sind mühevoll wieder im Original auf Auktionen zusammengesammelt worden. Naja, keine 250 Jahre alt, aber weg vom Einheits-Chic der Nachwendezeit.

Für diesen Samstag hat Sven Heinrich beschlossen, seinen kleinen Gasthof zu schließen: Es sei ja Dorffest in Kriele und da möchte er dem Grill der Feuerwehr und den Kuchen der Landfrauen gegenüber keine Konkurrenz machen. Es kämen ja eh nur die Leute aus dem Dorf. Vielleicht liegt das auch daran, dass Dorffeste in Brandenburg nirgendwo vollständig aufgelistet sind? In diesem Fall nicht mal auf der eigenen Website des Amtes Nennhausen. Google, bitte übernehmen Sie!

Diese rund 50 Kilometer kurze Radtour für Genießer beginnt in Rathenow und führt nach Nauen. Wer den Anfang des Havelland-Radweges unter einer alten Bahnbrücke der Brandenburgischen Städtebahn findet, ist sofort auf den einsamen Fahrradstraßen durch den Rathenower Stadtwald.

In Anlehnung an den Bahndamm der einstigen Krummen Pauline bleibt es nun bis Paulinenaue einsam. Und noch immer sehr gut ausgebaut. Wenn man von wenigen Metern Wurzelaufbrüchen im Asphalt und einigen abgesackten Betonsteinen auf den Betonspurbahnen absieht.

Letztere Betonsteine stellen übrigens aus ökologischer Sicht keinen Vorteil da - wie soeben in einer vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) finanzierten Studie klargestellt hat - und sollten für Radwege bereits seit Jahren nicht mehr verwendet werden.

Die liebevoll Krumme Pauline genannte Kreisbahn Rathenow-Nauen wurde in zwei Abschnitten am 2. April 1900 und am 29. September 1901 eröffnet und bereits ab 1924 schrittweise wieder stillgelegt. Auf dem letzten Abschnitt von Nauen nach Kriele und Haage fuhren am 24. Januar 1961 die letzten Personenzüge.

Einige der Fahrradstraßen folgen heute genau dem alten Bahndamm. Während die Bahnlinie einst 51,6 Kilometer lang war, ist der Havelland-Radweg heute mehr als doppelt so lang. Oft auf von alten Alleebäumen gesäumten einstigen Poststraßen und mit weitem Blick über die Auen des Havellandes auf bestens ausgebauten Feldwegen.

Mitten im Nichts gibt es dann auch das eine oder andere Wunder: In Stechow hat der alte Dorfbäcker mit dem wohl besten Bienenstich weit und breit überlebt.

Hinter hohen Mauern versteckt sich in Senzke das einstige Anwesen derer von Bredow. Strahlend weiß saniert ist das Herrenhaus aus dem Jahre 1875 wie der anschließende Park heute in Privatbesitz. Doch wer den Hintereingang nimmt, darf den geheimen Park auch ganz offiziell erkunden.

Ein paar Kilometer weiter modert in Pessin irgendwie unbemerkt das älteste Herrenhaus der Mark Brandenburg vor sich hin. Der Fachwerkbau aus dem Jahre 1419 versteckt sich hinter der Kirche und ist erst auf den zweiten Blick als besonders wertvoll erkennbar. Doch auch die Dorfkirche Pessin gilt als die älteste im Westhavelland und ist gerade frisch saniert worden.

Ein paar Fahrradstraßen und eine Radweglücke weiter ist schließlich Ribbeck erreicht, wo Theodor Fontanes Aura rund um den Birnbaum, das Schloss und die Brennerei scheinbar so perfekt zu spüren ist, wie an kaum einem anderen Ort in Brandenburg. In dem wie aus dem Bilderbuch sanierten Dorfensemble soll hier in der Abendsonne das eine oder andere Restaurant warten.

 

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